
Der Wirbelbaum, 2026 Der Wirbelbaum dreht sich im Uhrzeigersinn nach oben, schraubt sich in den Himmel, ist sich dabei der Kühnheit des Unterfangens sehr bewusst und sorgt mit einem gewaltigen Sockel für einen sicheren Stand des kreiselnden Stammes. Fest gewachsen in der Erde und scheinbar doch in ständiger Bewegung. Wind und Wetter kommen ihm dabei zu Hilfe, schütteln und zerren ihn, geben ihm bei Gelegenheit manchen Stoß in die eingeschlagene Richtung, damit er seinen inneren Plan weiter verfolgen kann: die immer währende Rotation auf der Stelle, eine Pirouette, ausgeführt in unfassbarer Langsamkeit - im Grunde aber nur Ersatz für den wahren Traum des Baumes: Freiheit. Die bleibt Dir aber in Deinem irdischen Leben verwehrt. Die Freiheit, mein Lieber, gibt Dir erst die Kunst. Alter Baum, agil beschwingt, bei dir ist nicht Abgestorbenes, Morsches, Verwittertes, alles lebt, alles ist voller Energie und Kraft und Entschlossenheit, sich immer weiter nach oben, in den kretischen Himmel, zu bohren. Hast schon ein paar Wochen gewartet, mein Baum, auf deine weitere Ausarbeitung, standest dürr und nackt als Vorzeichnung auf der Staffelei herum, begleitet von meiner Unsicherheit, dir näher zu kommen, näher zu treten. Dein unklares Geäst über dem herrlich wirbelnden Stamm - wie kann ich da herankommen? Und jetzt, wo ich mich dir erneut zuwende, fällt es mir auf einmal schwer, allein das zuvor erkannte Positiv-Dynamische in dir zu sehen. Ist da im Wirbeln nicht auch Verirren und Verwirren? Ist da in der Entschlossenheit nicht auch Ungewisses, Haltloses? Ist in der Energie und Kraft nicht auch Grobes, sogar Brutales? Vor ein paar Tagen sind die USA und Israel über den Iran hergefallen, ein neues hässliches Zeugnis der Zeitenwende. Ein Krieg, der dir eigentlich gleichgültig sein könnte, der aber in meiner Vorstellung nachhaltig mit dir verknüpft werden könnte. Außerdem: bis Zypern sind schon die Einschläge gekommen und es heißt, der große Flugzeugträger liege vor Kreta, also sage nicht, der Krieg ginge dich nichts an! Gibt es im Iran eigentlich Olivenbäume? - Nach kurzer Recherche: eingeführte, angesiedelte Bestände scheint es zu geben. Das natürliche Verbreitungsgebiet des Olivenbaums, der Mittelraum, ist aber doch recht weit weg. Was man alles so erfährt: im Zeichen der UNO wird unser stilisierter Planet nicht von Lorbeer-, sondern von Ölbaumzweigen als Zeichen des Friedens umkränzt. Das war gut gemeint... Und was hält der Weißkopfadler im Großen Siegel des Präsidenten der Vereinigten Staaten in seinen Krallen? In der rechten einen Olivenzweig, in der linken ein Bündel gespitzter Pfeile. Wenn die Linke nicht weiß, was die Rechte tut ... Taugst du als Sinnbild für diese Zeiten? Bist du heimlich ein ganz politischer Baum? Und doch drehst du dich weiter, ganz langsam, aber unaufhaltsam, verlierst hoffentlich dein Ziel nicht aus den Augen, sei es auch noch so fern, strebst nach Höherem, nach Unerreichbarem, fest auf der Erde stehend, aber den Himmel im Blick. Wenn dir meine Kunst dabei helfen kann, gerne - obwohl de auf jeden Fall ein anstrengender Baum bist, ein fordernder Baum - wie sollte es im März 2026 anders sein? Der Strich auf diesem recht glatten Papier ist kräftiger, stärker, schwärzer, aber auch fahriger, zerrissener, was vielleicht zur zerfaserten Rinde des Baumes und seinem Wirbel-Charakter passen könnte, bestimmt aber zur Unsicherheit und der Verschwommenheit der Lage. Die Bleistiftspitze tastet, sucht, zögert. Die Linien wuchern, überlagern und verwirren sich, streben auseinander und sollen doch einen Zusammenhalt finden, entziehen sich der Kontrolle. Die Hand verirrt sich, die Strukturen und Muster tanzen mir auf der Nase herum. Deine Oberfläche, ein einziges Rätsel, mal Eisschollen eines erfrorenen Flusses, mal zäh fließende Lavaströme, mal rissig-schrundige Drachenhaut, dann aufgeplatzte Krusten einer noch nicht verheilten Wunde, dort Knorpelschuppen eines ausgestorbenen Fisches, da goldglänzende Pailletten auf der Rüstung eines kostbaren Kriegers und hier einfach die trockene Rinde eines trotzigen Baumes. Ein anstrengender Baum, ein fordernder Baum, - wie sollte es anders sein, wenn man als Baum für den Frieden stehen muss?

Kopfbuchen wachsen nicht in den Himmel - den wir kennen, 2017 1. Bäume wachsen nicht in den Himmel ... 2. die Kopfbuche hat ihren eigenen Kopf ... 3. Buchen sollst du suchen ... 4. wie es in der Buche steht ... 5. wie es um die Buche steht ... 6. diese Kopfbuchengruppe steckt ihre Köpfe eng zusammen ... 7. die Solidargemeinschaft der Bäume ... 8. was haben diese Buchen nur im Kopf ? ... 9. in welcher Beziehung stehen diese Bäume eigentlich zum Himmel? ... 10. Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber wohin sonst? ... 11. saugen mit ihren Ästen den Himmel auf ... 12. füllen die Erde mit Gewölk ... 13. die Litanei der zwanzig Buchen und ihrer besonderen Beziehung zum Himmel 14. der Himmel auf Erden mag für diese Bäume anders aussehen ... 15. ein Himmel wie er in den Buchen steht ... 16. die Buchen wachsen nicht in den Himmel ... 17. so hoch hätten sie niemals wachsen sollen ... 18. morituri te salutant: die Gruppe Todgeweihter ist angetreten ... 19. Totenwache stehen achtzehn Bäume für zwei verstorbene Kollegen ... 20. Kopfbuchen wachsen nicht in den Himmel, das steht jetzt fest ...
Bäume zeichnen
Bäume stehen geduldig Modell, selten dass sie etwas über den Zeichner erfahren möchten, aber andauernd sprechen sie über sich selbst.
Kopfweide in Lank-Latum, 2023, Bleistift, Farbstift, Aquarell, 70 x 50 cm
Da stehst du alter Baum, noch stehst du da, aber deine Tage sind gezählt, das ist ausgemacht. Dein einstmals mächtiger Stammkörper ist hohl und offen, ausgehöhlt, ausgeschabt, ausgenagt, als sei nur die Hälfte einer berindeten hölzernen Röhre stehengeblieben, ein offener Hohlkörper, durch den man großflächig hindurchsehen kann. … So standest du da im März, als ich dich das erste Mal besucht habe, eine Baumruine, aber geschnitten hatte man dich gerade trotzdem, hatte dir den Kopf rasiert, und dir mit dem Schnitt die Möglichkeit gegeben, ein paar neue, vielleicht letzte Äste hervorzutreiben aus deinem geborstenen Inneren. Ich bin gespannt, ob das geklappt hat, ob du noch lebst, ob du noch wächst, oder ob es vielleicht nur noch in dir lebt, in dir wächst, die Ameisen, Käfer, Spinnen, Mäuse, Vögel, und was es sonst noch so an Tieren gibt, die in und von alten Bäumen leben, oder ob du sogar ganz gefallen bist, weil die Stammhülle den zu schweren Kopf nicht mehr tragen konnte, weil ein Sturmwind in deine Höhlung fasste, dich ergriff und stürzte, was werde ich finden, wenn ich nach dir suche?
23.06. Ein Vierteljahr später: Er ist nicht schwer zu finden. Er steht noch da, aufrecht, in voller Größe, und hat es wieder zu einer ansehnlichen Krone gebracht, kräftige Triebe mit großen saftigen Blättern, trotz der langen Dürre. Keine Frage, der Rückschnitt hat zu neuem Wachstum geführt. Noch scheint die prekäre Statik des Hohlstammes zu halten.


Der Wirbelbaum, 2025, Kupferstich, Radierung, Kaltnadel, 20 x 15 cm
Ein Wirbelbaum, eine Tornado-Olive, dreht sich jahrhundertelang im Uhrzeigersinn nach oben, ist sich dabei der Kühnheit des Unterfangens sehr bewusst und sorgt mit einem gewaltigen Sockel für einen sicheren Stand des kreiselnden Stammes. Fest gewachsen in der Erde scheint der Baum doch in ständiger Bewegung. Wind und Wetter kommen ihm dabei zu Hilfe, schütteln und zerren ihn, geben ihm manchen Stoß in die eingeschlagene Richtung, damit er seinen inneren Plan nicht aufgibt: die immer währende Rotation auf der Stelle, – der aber im Grunde nur Ersatz ist für den wahren Traum des Baumes: Freiheit. Die bleibt Dir aber in Deinem irdischen Leben verwehrt. Die Freiheit, mein Lieber, gibt Dir erst die Kunst.
Baumgespräche: Olivenbaum am Chateau d’Estoublon, 2024, Kupferstich, 20 x 15 cm
Zwiegespräch eines Doppelbaumes, Selbst-gespräch eines Verwirrt-Verwitterten, innerer Monolog eines kauzigen Zweigeteilten? Was es auch sei, dieser alte Baum unterhält sich mit sich selbst, nicht ohne Aufregung. Emotionen sind im Spiel. Ein ruhiges, sachliches Gespräch sähe anders aus. Es wird getuschelt und geflüstert, es wird geklagt und lamentiert. Dazu mag dieser alte Olivenbaum am Chateau d’Estoublon allen Grund haben, als einer der wenigen Überlebenden des Grand Gêle, der 1956 die Provence überfiel und fast alle Olivenbäume dahinraffte. Aber ein paar haben es geschafft, haben durchgehalten, nicht ohne Schaden, nicht unversehrt, aber lebendig. Ein knorriger Triumph des Lebens über den Tod, und heute geschätzte Hintergrundkulisse für wohlhabende Touristen. Auch das möglicherweise ein Thema für anregende und aufregende Gespräche, für vertrauliches Geflüster und lautes Wehklagen.
