Kopfbuchenlitanei, Kopfbuchen wachsen nicht in den Himmel … den wir kennen, 2017, Fotografie, Zeichnung, Aquarell, 35 x 93 cm
Kopfbuchen wachsen nicht in den Himmel - den wir kennen, 2017

1. Bäume wachsen nicht in den Himmel ...
2. die Kopfbuche hat ihren eigenen Kopf ...
3. Buchen sollst du suchen ...
4. wie es in der Buche steht ...
5. wie es um die Buche steht ...
6. diese Kopfbuchengruppe steckt ihre Köpfe eng zusammen ...
7. die Solidargemeinschaft der Bäume ...
8. was haben diese Buchen nur im Kopf ? ...
9. in welcher Beziehung stehen diese Bäume eigentlich zum Himmel? ...
10. Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber wohin sonst? ...
11. saugen mit ihren Ästen den Himmel auf ...
12. füllen die Erde mit Gewölk ...
13. die Litanei der zwanzig Buchen und ihrer besonderen Beziehung zum Himmel
14. der Himmel auf Erden mag für diese Bäume anders aussehen ...
15. ein Himmel wie er in den Buchen steht ...
16. die Buchen wachsen nicht in den Himmel ...
17. so hoch hätten sie niemals wachsen sollen ...
18. morituri te salutant: die Gruppe Todgeweihter ist angetreten ...
19. Totenwache stehen achtzehn Bäume für zwei verstorbene Kollegen ...
20. Kopfbuchen wachsen nicht in den Himmel, das steht jetzt fest ...

Bäume zeichnen

Bäume stehen geduldig Modell, selten dass sie etwas über den Zeichner erfahren möchten, aber andauernd sprechen sie über sich selbst.

Kopfweide in Lank-Latum, 2023, Bleistift, Farbstift, Aquarell, 70 x 50 cm

Da stehst du alter Baum, noch stehst du da, aber deine Tage sind gezählt, das ist ausgemacht. Dein einstmals mächtiger Stammkörper ist hohl und offen, ausgehöhlt, ausgeschabt, ausgenagt, als sei nur die Hälfte einer berindeten hölzernen Röhre stehengeblieben, ein offener Hohlkörper, durch den man großflächig hindurchsehen kann. … So standest du da im März, als ich dich das erste Mal besucht habe, eine Baumruine, aber geschnitten hatte man dich gerade trotzdem, hatte dir den Kopf rasiert, und dir mit dem Schnitt die Möglichkeit gegeben, ein paar neue, vielleicht letzte Äste hervorzutreiben aus deinem geborstenen Inneren. Ich bin gespannt, ob das geklappt hat, ob du noch lebst, ob du noch wächst, oder ob es vielleicht nur noch in dir lebt, in dir wächst, die Ameisen, Käfer, Spinnen, Mäuse, Vögel, und was es sonst noch so an Tieren gibt, die in und von alten Bäumen leben, oder ob du sogar ganz gefallen bist, weil die Stammhülle den zu schweren Kopf nicht mehr tragen konnte, weil ein Sturmwind in deine Höhlung fasste, dich ergriff und stürzte, was werde ich finden, wenn ich nach dir suche?

23.06. Ein Vierteljahr später: Er ist nicht schwer zu finden. Er steht noch da, aufrecht, in voller Größe, und hat es wieder zu einer ansehnlichen Krone gebracht, kräftige Triebe mit großen saftigen Blättern, trotz der langen Dürre. Keine Frage, der Rückschnitt hat zu neuem Wachstum geführt. Noch scheint die prekäre Statik des Hohlstammes zu halten.

Der Wirbelbaum, 2025, Kupferstich, Radierung, Kaltnadel, 20 x 15 cm

Ein Wirbelbaum, eine Tornado-Olive, dreht sich jahrhundertelang im Uhrzeigersinn nach oben, ist sich dabei der Kühnheit des Unterfangens sehr bewusst und sorgt mit einem gewaltigen Sockel für einen sicheren Stand des kreiselnden Stammes. Fest gewachsen in der Erde scheint der Baum doch in ständiger Bewegung. Wind und Wetter kommen ihm dabei zu Hilfe, schütteln und zerren ihn, geben ihm manchen Stoß in die eingeschlagene Richtung, damit er seinen inneren Plan nicht aufgibt: die immer währende Rotation auf der Stelle, – der aber im Grunde nur Ersatz ist für den wahren Traum des Baumes: Freiheit. Die bleibt Dir aber in Deinem irdischen Leben verwehrt. Die Freiheit, mein Lieber, gibt Dir erst die Kunst.

Baumgespräche: Olivenbaum am Chateau d’Estoublon, 2024, Kupferstich, 20 x 15 cm

Zwiegespräch eines Doppelbaumes, Selbst-gespräch eines Verwirrt-Verwitterten, innerer Monolog eines kauzigen Zweigeteilten? Was es auch sei, dieser alte Baum unterhält sich mit sich selbst, nicht ohne Aufregung. Emotionen sind im Spiel. Ein ruhiges, sachliches Gespräch sähe anders aus. Es wird getuschelt und geflüstert, es wird geklagt und lamentiert. Dazu mag dieser alte Olivenbaum am Chateau d’Estoublon allen Grund haben, als einer der wenigen Überlebenden des Grand Gêle, der 1956 die Provence überfiel und fast alle Olivenbäume dahinraffte. Aber ein paar haben es geschafft, haben durchgehalten, nicht ohne Schaden, nicht unversehrt, aber lebendig. Ein knorriger Triumph des Lebens über den Tod, und heute geschätzte Hintergrundkulisse für wohlhabende Touristen. Auch das möglicherweise ein Thema für anregende und aufregende Gespräche, für vertrauliches Geflüster und lautes Wehklagen.